Polkadot- und Polkappen

 

Noch ein paar Eindrücke von der Neujahrsshow (nach Mitternacht, sehr jung, das Jahr): Polkadotkappen gegen Hypochondrie bei abschmelzenden Polkappen. Papa kennt Josef übrigens von früher, wie sich zeigt, während Mama Silvesterdienst macht, macht sie gerne. Sind die anderen immer froh, sagt sie, wenn sie sich freiwillig meldet für die Feiertage.

Ja, aus München, sagt Papa, flüchtig. Hat uns beide eine Zeit lang dorthin verschlagen, diese Vorliebe für den bayrischen Barock. Im vorigen Jahrtausend war ich auch mal jung, sagt er. Zumindest glaubt er das, sagt er mit einem Lachen, das neu ist. Josefs Einzigartigkeit hätte man schon damals klar erkennen können. Dass böse Zungen naturgemäß über jeden Böses reden, der Erfolg hat, sagt er, ist auch nichts Neues. Was er damit meint? Ach, sagt er, nur so. Allgemein. Unbewiesene – und also auch unbeweisbare! – Plagiatsvorwürfe. Von erfolgloseren Konkurrenten, die glauben, dass sie damit die eigenen Chancen verbessern, pah, sagt er, und Manuel fragt, warum Michael sich so aufregt. Lass mich mich aufregen, sagt Papa, das ist gut für den Kreislauf. Und dass Manuel das schließlich wissen müsste, Manuel steht auf und umarmt ihn von hinten und fragt mich, ob ich das peinlich fände, und ich sage: peinlich? Ich bin’s, nextGirl.

Looking Fabulous

In Papas Küche habe ich Josefs Bild gesehen. Ausgeschnitten und an die Kühlschranktür geheftet. Was dort sonst noch steht:

Looking Fabulous

(Being bitter: blaming everyone)

Admitting Nothing

 Das hat Manuel mit einem kleinen elefantenförmigen Magneten befestigt. Er sagt, das braucht er am Morgen, das muntert ihn auf, wenn er heimkommt nach einer Nachtschicht. Und außerdem mag er Elefanten. Weit hat Papa es gebracht: von der Anästhesistin zum Krankenpfleger. Das Leben wird komplizierter, wenn man erst einmal erwachsen ist. Aber glücklich sind sie wohl. Manchmal denke ich, Manuel sieht Mama fast zu ähnlich. Zum Glück arbeiten sie in verschiedenen Krankenhäusern. Manuel kocht übrigens ziemlich gut, das ist mit ein Grund, warum es so toll ist, bei ihnen zu übernachten. Nein, stimmt natürlich nicht, so würde ich das nicht stehen lassen. Admitting nothing.

Looking fabulous – ja, das tun wir jetzt einmal. Davon gehen wir aus.

Being bitter – klar haben wir alle unsere dunklen Seiten: hochprozentige Schokolade. Ist ja trivial zu erkennen, Chatroompsychologie, dass unter der fabulösen Oberfläche ein Unsicherheitskeim steckt, ein Mensch im Umbau, der wissen will, wer er ist. Wer sie ist. Ich gebe es zu, euch kann ich es ja sagen: Ich bin nicht perfekt. Wie alle eben.

Blaming everyone: Oh ja, juhu, der beste Teil überhaupt! Immer schön die anderen verantwortlich machen, und die Umstände, das ganz besonders, das Wetter, Erdstrahlen, Mondphasen, Aszendenten und sonstigen Schwachsinn, gegen den man allerdings wenig tun kann. Was die anderen betrifft, die kann man fertigmachen, noch nie getan? Rundumschlag, Meuchelfotos hochgeladen und so weiter, so richtig gemein gewesen, und die Erleichterung, diese kurze unerträgliche Erleichterung bei dem Gefühl, jemanden erledigt zu haben, von dem man denkt, der oder die hat das verdient, ist SCHULD an der blöden Situation, in der man gerade steckt. Herrlich, dauert aber leider nur sehr kurz, die Herrlichkeit, dann sickert schon ein ungutes Schamgefühl durch, wie aus einer Windel, die langsam zu stinken anfängt (fragt nur meine Cousine) und die man nicht mehr länger ignorieren kann, so gut man das auch geübt hat.

Da könne man Sachen erzählen. Angefangen, ganz harmlos: Habe meine Tante bestohlen, als ich auf Lara aufpassen sollte, nur ein bisschen, nur ein paar Euro-Münzen, weil sie immer so knausrig ist. So, jetzt ist es draußen, öffentlich, hier. Nicht mehr zu leugnen. Tut mir sehr leid, liebe Tante. Und das sage ich dann blöderweise zu einer guten Freundin, und was macht die? Eben, am nächsten Tag lauter Hass-Posts, von wegen Diebin. Einer aus meiner Klasse verkündet lauthals, ich hätte Geld aus seiner Tasche gestohlen – so eine lächerliche Freitag-Geldbörse, die er für unglaublich cool hält. Vor hundert Jahren vielleicht. Na, was mache ich: mich rächen, natürlich. Zumindest einen schlappen Versuch, auf den ich im Nachhinein nicht gerade stolz war. Dann hat er sein Geld gefunden, hat sich aber nicht mehr getraut, das zuzugeben, weil er vorher so laut rumgetönt hat. Bis wir da draufgekommen sind und das wieder klären konnten: anstrengend.

Admitting nothing: Bis vorhin jedenfalls. Man könnte auch sagen, dass die ganze Sache mit einem Admitment, oder Commitment, angefangen hat, nämlich damit, dass ich meiner besten Freundin etwas erzählt habe und dass der Abtausch von Gemeinheiten zu verhindern gewesen wäre, wenn ich mich eben an diese Regel gehalten hätte. Aber ich dachte wohl, so ein Schuldeingeständnis der harmlosen Sorte wäre gut für die Freundschaft. Falsch gedacht. nG

Weiß wie Schnee

Gestern (eigentlich heute) bei einer Silvestershow, Überraschungsparty. Zwar nur Studierende, aber Josefs Meisterklasse, und der Meister, nicht zu fassen, sogar dabei: Beweisfoto folgt. Hat sich gefreut, mich kennenzulernen, wie er sagt, und ich muss sagen, es war sehr fein. Und Bianca, in the flesh, weiß-wie-Schnee, denke ich gleich: rot-wie-Blut. Hier und jetzt.

Ich könnte einen Videoblog machen. Manche kündigen auch ihren Selbstmord an, nur, wen interessiert das schon? Wer will verstehen, worum es geht (und heimlich anfeuern)? Was man halt so vom Schulhof kennt. Die anderen warten darauf, dass man in Tränen ausbricht über den Rattenschwanz an Kommentaren, die der letzte Eintrag nach sich zieht. Haben sie auch allen Grund dazu. Hinter den Bildschirmen dieser Welt sitzen wir, hinter der unsichtbaren, glatten, gläsernen Wand, ohne jemals die Stirn dagegen zu lehnen, wenn es zu heiß wird im Kopf, wir Nerds wie du und ich, allzeit global vernetzt auf der sicheren Seite des Bildschirms: Sicherheit ist langweilig.

Was die Welt hinter der Bildschirmwand betrifft (also das hier), ist noch zu sagen, dass die auch ihre ganz realen Seiten hat, dass all die Clouds, Skydrives, Blogs und Websites auf ganz realen Serverplatten gespeichert werden müssen. Die brauchen dann Unmengen an Kühlvorrichtungen, Sicherheitsleuten und Geheimhaltung der Standorte. Damit es auch so bleibt: Was einmal im Internet drin ist, geht nicht mehr raus, garantiert washing-proof. nG

Kopflos

Vom Ende der Weihnachtspause: Hält man ja im Kopf nicht aus, diese Seitenwechsel, immer ein Zeitstück für Mutter: Vater: Großvater: Großmutter, schön brav aufteilen das Kind, damit auch niemand zu kurz kommt.

Will sich das Kind ein bisschen um Wichtiges kümmern, Aktuelles zur festive season, kommen ungefragt diese Neobondagelingerie-Fotostrecken daher, peinliche Unterwäsche an Models, deren Köpfe fehlen, als ob sie einfach nicht mehr auf die Seite passen würden. Dabei weiß man, dass einer der Körper Rose gehört, die ist gerade das Allerangesagteste, und eigentlich erkennt man sie auch kopflos, so oft gesehen in der letzten Zeit. Die Hälse vom Seitenrand gekappt, der ja durchaus scharf sein kann, hab mir schon ein paarmal in die Fingerkuppe geschnitten. Den Finger ausgestreckt, um das Blut tropfen zu sehen. nG

Sommer

Heute streiche ich jeden Kommentar. Was soll man an einem 23. Dezember noch sagen, außer, dass in einem halben Jahr der Sommer beginnt, das ist doch schon mal eine erfreuliche Nachricht. nG

Datensalat, arbeitsungeeignet

Rot-weiß ist übrigens auch eine großartige Frühlingskombination, Sommervorgeschmack. Braucht man ein anderes Grün dazu, kein Stechpalmendunkelgrün vor roten Weihnachtsmützen mit winterweißem Schneerand, mehr ein frühlingsgrünes Frühlingsgrün. Ein leuchtend helles Gelbgrün, das sich in den Sommer rettet. Ich persönlich hasse den Winter, könnte man ersatzlos streichen, Winterschlaf wär auch nicht schlecht, oder von Oktober bis März nach Australien ziehen, das würde mir überhaupt am besten gefallen.

Hier das Ergebnis meines montäglichen Streetview-Streifzugs. Im Unterschied zu Google Earth frage ich die Leute vorher, ob sie fotografiert werden wollen, die meisten lachen und sagen ja, nicht zu fassen, wie einfach das ist. Sie fragen mich, warum ich mich für ihre Outfits interessiere, freuen sich, na klar. Ich freue mich ja auch, wenn sie mir gratulieren, zu meiner neuesten Kopfbedeckung zum Beispiel. Manchmal kommt man richtig ins Gespräch, wenn jemand so ganz schneesüchtig in Winterweiß und Beerenrot daherkommt etwa, bitte, ich lasse mich ja überzeugen

biancas_spaghettieis daswurmt.wordpress.com/tags/herrwurm

und sage höflich: Guten Tag, Herr Wurm!

Ich frage mich, warum Manipulation so eine miese Presse hat, ich glaube nämlich nicht, dass Manipulation für sich genommen schlecht ist. Mode ist nichts als Manipulation; durch Harzungen, Sport, Maniküre und chronisches Hungern können wir die Zugehörigkeit zur richtigen Gruppe sogar am nackten Körper noch beweisen. Und mit Tattoos natürlich. Und dann erwarten, dass alle diese Zeichen auch gesehen werden. Von uns selbst und anderen, das muss man verlangen dürfen, dass wir uns wenigstens selbst gefallen.

An meine lovely haters: Da hat jemand was abgesondert, was man als nicht geeignet für die Arbeit (nsfw) bezeichnen muss: Frauen kontrollieren, Männer lassen es einfach kommen. Was noch dazu falsch ist. Männer arbeiten genauso intensiv an ihrem Auftritt. Was für ein blöder Ausdruck übrigens, was soll überhaupt suitable for work sein an Blogeinträgen? Ich meine, normalerweise macht man zum Geldverdienen eher was anderes als Posts lesen und seinen Senf dazugeben, außer natürlich, genau das ist die Arbeit, kann ja vorkommen. Vor allem das Lesen. Das wird überhaupt der Wirtschaftszweig der Zukunft, wenn ich drüber nachdenke, alles, wofür man die Ausbildung noch braucht: Interpretieren, was die Scanprogramme täglich an frischem Datensalat auftischen. nG

die äußerste Welt

Frauen, sagt meine Mutter, sollten endlich aufhören, so krampfhaft ihr Bild kontrollieren zu wollen. Sure, Mama. Macht doch Spaß. Sie lacht nur, überhaupt ist sie sehr gut aufgelegt in letzter Zeit, wirst schon noch sehen, dass das irgendwann kein Spaß mehr ist. Mir doch egal: Kontrollieren wir jetzt einmal fröhlich unser Bild. Styling ist das ultimative Tool dafür. Ultimativ, wo das schon wieder herkommt: von den äußersten Grenzen der Wahrnehmung? Dem Rand der bekannten Welt? Und das ist kein Tellerrand, über den man blicken sollte. Man könnte runterfallen.

Auf dem Teller das Schlaraffenland, das Erdbeerland, Erdbeeren bis zum Abwinken, bis man Ausschläge kriegt, Erdbeeren mit Schlagobersbergen, und das zu Weihnachten, uns bleibt immer noch Spanien, sind ja auch die Weihnachtswichtelfarben, immer schön rot und weiß, Spitzbergen am Rand der bekannten Welt. Erdbeeren und Schlagobers sind füreinander rausgemendelt worden: der Gipfel der Evolution, der Mensch hat nur erfunden werden müssen, um das Fette von der Milch abzuschöpfen und irgendetwas zum Aufschäumen aufzutreiben, zur Erzeugung von Schneebergen, nein Sahnebergen selbstverständlich, um dieses ultimative Bild purer, frischer Schönheit zu erzeugen: rotglänzende Beerenstücke in einem Meer von weißem Schaum.

Und neben dem polarweißen Schaummeer ein Leuchtturm, in dem Leuchtturm ein Leuchtturmwärter inklusive Leuchtturmwärterkappe, und was für eine Kappe trägt ein Leuchtturmwärter am Ende der Welt? Keine Arbeiterkappe, keine revolutionäre, eine mit Flügeln und moosigen Fellhaaren auf der Innenseite vielleicht? Übrigens gibt es am Polarkreis keine Leuchttürme, wovor sollten die warnen? Jedem Eisberg sein eigener Leuchtturm? Vielleicht begrüßt er aber auch die Außerirdischen, die mit den extraterrestrischen Partikeln des Sonnensturms an den Polen des Erdmagnetfeldes hereinwehen. Ihr wisst schon, diese Teilchen, die auf youtube immer so schöne grüne Polarlichtschlieren ziehen, ein einziges komplementärfarbiges Erdbeersahnenachbild. In Wirklichkeit gar nicht so bunt. Alles photogeshopt, gephotoshopt. Wie sagt man? nG