Fishy

Toni, ich nenne den Kollegen mit der freitäglichen Geldtasche einmal so, zieht an meinem Shirt und sagt, ich wäre nicht Fisch nicht Fleisch, weil ich keinen BH trage. Fischig, sagt er, und fragt, ob ich den Witz von der Frau und dem Meer kenne. Jaja, Unterlid heruntergezogen. Er lässt sich nicht bremsen: Geht eine Frau ins Meer, und Gott sagt, Scheiße, jetzt kriege ich den Ge-: Mein Tritt ins Schienbein bringt ihn doch zum Schweigen, abgestoppt und rückgepasst, ich sollte Fußballerin werden.

Eine Manga-Perücke habe ich mir bestellt. Lieber mit ernsthaft verkleideten ausgewachsenen Vertretern dieser Spezies Festivals besuchen als mit so wabbeligen Lebensformen wie halbgaren Nichtmännern in der Straßenbahn fahren. Beim Straßenbahnfahren kann man es sich nicht aussuchen, mit wem man von Station zu Station tingelt, da ist die U-Bahn besser: geht schneller, es sind mehr Leute drin, und überhaupt kann man auf die nächste warten. Man fühlt sich einsamer, obwohl der Menschengeruch festhängt. Noch schlimmer als die Ungewaschenen sind nur noch diejenigen, die irgendwas nach aufgewärmtem Fleisch Riechendes aus dem Fettpapier essen. Auf dem steht dann beispielsweise:

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Eine ganz eigene Community, die Cosplay-Leute, Spiel in Kostümen. Was könnte mir besser gefallen? nG

Rauchende Raupen

Hier und jetzt plädiere ich für unkorrekte Rauchbilder. Rauchringe, Raucherinnen im Hosenanzug, die die Finger elegant abspreizen, so, wie man das nur mit Zigarette dazwischen machen kann, ohne sieht das ja dumm aus. Aber im öffentlichen Raum (Kunst am Bau): kein Bild mit der Stilsicherheit von Marlene Dietrich weit und breit, und die ist immerhin 90 geworden. Die wusste, wie man das eigene Bild kontrolliert. Und das Ausatmen, auch eine Kunst, von der man nichts zu sehen kriegt. Da spricht man in Rätseln, egal was man sagt, und die Atemspuren (Rauchfahnen) verschwinden auch so im …

Da gab’s doch auch die Shisha rauchende Raupe in Königsblau: irgendwie alt, zumindest alt für eine Raupe. Alt und arrogant und rätselhaft, was ja gerne mit Altersweisheit verwechselt wird. Verstehe ich sowieso nicht, warum jemand weise werden soll, nur weil er oder sie älter geworden ist. Als ob die Summe aus angeborener und erworbener Dummheit durchs Abhängen in Klugheit umschlagen könnte. Abhängen kann man aber super hinter Wasserpfeifen, das in jedem Fall. nG

Design oder Nichtsein?

Welt-NICHTS-Tag: Design oder Nichtsein?

Mehr ist da nicht. Was bleibt übrig: Eine Nussschale, die durch die Weltmeere gondelt, ohne dass man weiß, ob die Ölvorräte reichen. Nussöl ist ja die reinste Hirnnahrung, sagte Mama, und die muss es wissen.

Gondel

Nein: Dem Nichts einen ganzen Tag zu widmen, das hat was, dem will ich mich anschließen und

NICHTS anziehen

NICHTS essen

NICHT einmal was riechen

NICHTS denken und vor allem

BLANK

Baiserabschluss

Jetzt einmal: das Hochzeitsensemble, der große Baiserabschluss jeder Show.

Es ist ja überall dasselbe. Bloß weil es zwei Männer sind, ist die Stimmung auch nicht besser. Papa hat Manuel vorgeworfen, keine Ahnung zu haben, wie es ist, wenn der Job an einem seidenen Faden hängt. Und Manuel hat ihn einen intellektuellen Spießer genannt, tja, so war das, neulich bei Patchworks. Und dann Versöhnung mit allem Drum und Dran und feierlichem Abendessen. (Mama ist auf Skiurlaub.) Anstoßen darauf, dass Manuels Arbeit so krisensicher ist, weil krank werden die Leute immer. Je länger das geht mit der Wirtschaftskrise, desto mehr werden die Leute krank. Papa hat glucksend gelacht, aber traurig ausgesehen. Er weiß nicht, ob er die Stelle behalten kann. Manuel hat gesagt, Papa könnte ja Hausmann werden, und Papa hat gesagt, er denkt nicht dran, selbst wenn sie heiraten sollten. Heiraten? Das hat mich aber doch umgehauen. Ich meine: Ich habe kein Problem damit, dass Papa einen Mann liebt. Sollen die anderen nur spotten, es waren eh nur zwei, drei aus der Parallelklasse, die üblichen Jahrgangsverdächtigen, und die habe ich schon zum Schweigen gebracht.

Aber eine Hochzeit ist doch irgendwie erst recht spießig. Ich habe sie gefragt, ob dann der eine im schwarzen und der andere im weißen Anzug heiraten würde, und sie: nein, beide gleich, und Papa hat gesagt, in Blumenmuster, und Manuel, in Regenbogenfarben, dann haben sie gemeint, sie würden sich sehr freuen, wenn ich das Styling übernehme. Das mache ich natürlich gerne, obwohl ich nicht verstehe, warum man heiraten muss. Hat das Heiraten meinen Eltern vielleicht irgendwas gebracht außer einer unnötigen Scheidung? nG

Polkadot- und Polkappen

 

Noch ein paar Eindrücke von der Neujahrsshow (nach Mitternacht, sehr jung, das Jahr): Polkadotkappen gegen Hypochondrie bei abschmelzenden Polkappen. Papa kennt Josef übrigens von früher, wie sich zeigt, während Mama Silvesterdienst macht, macht sie gerne. Sind die anderen immer froh, sagt sie, wenn sie sich freiwillig meldet für die Feiertage.

Ja, aus München, sagt Papa, flüchtig. Hat uns beide eine Zeit lang dorthin verschlagen, diese Vorliebe für den bayrischen Barock. Im vorigen Jahrtausend war ich auch mal jung, sagt er. Zumindest glaubt er das, sagt er mit einem Lachen, das neu ist. Josefs Einzigartigkeit hätte man schon damals klar erkennen können. Dass böse Zungen naturgemäß über jeden Böses reden, der Erfolg hat, sagt er, ist auch nichts Neues. Was er damit meint? Ach, sagt er, nur so. Allgemein. Unbewiesene – und also auch unbeweisbare! – Plagiatsvorwürfe. Von erfolgloseren Konkurrenten, die glauben, dass sie damit die eigenen Chancen verbessern, pah, sagt er, und Manuel fragt, warum Michael sich so aufregt. Lass mich mich aufregen, sagt Papa, das ist gut für den Kreislauf. Und dass Manuel das schließlich wissen müsste, Manuel steht auf und umarmt ihn von hinten und fragt mich, ob ich das peinlich fände, und ich sage: peinlich? Ich bin’s, nextGirl.

Looking Fabulous

In Papas Küche habe ich Josefs Bild gesehen. Ausgeschnitten und an die Kühlschranktür geheftet. Was dort sonst noch steht:

Looking Fabulous

(Being bitter: blaming everyone)

Admitting Nothing

 Das hat Manuel mit einem kleinen elefantenförmigen Magneten befestigt. Er sagt, das braucht er am Morgen, das muntert ihn auf, wenn er heimkommt nach einer Nachtschicht. Und außerdem mag er Elefanten. Weit hat Papa es gebracht: von der Anästhesistin zum Krankenpfleger. Das Leben wird komplizierter, wenn man erst einmal erwachsen ist. Aber glücklich sind sie wohl. Manchmal denke ich, Manuel sieht Mama fast zu ähnlich. Zum Glück arbeiten sie in verschiedenen Krankenhäusern. Manuel kocht übrigens ziemlich gut, das ist mit ein Grund, warum es so toll ist, bei ihnen zu übernachten. Nein, stimmt natürlich nicht, so würde ich das nicht stehen lassen. Admitting nothing.

Looking fabulous – ja, das tun wir jetzt einmal. Davon gehen wir aus.

Being bitter – klar haben wir alle unsere dunklen Seiten: hochprozentige Schokolade. Ist ja trivial zu erkennen, Chatroompsychologie, dass unter der fabulösen Oberfläche ein Unsicherheitskeim steckt, ein Mensch im Umbau, der wissen will, wer er ist. Wer sie ist. Ich gebe es zu, euch kann ich es ja sagen: Ich bin nicht perfekt. Wie alle eben.

Blaming everyone: Oh ja, juhu, der beste Teil überhaupt! Immer schön die anderen verantwortlich machen, und die Umstände, das ganz besonders, das Wetter, Erdstrahlen, Mondphasen, Aszendenten und sonstigen Schwachsinn, gegen den man allerdings wenig tun kann. Was die anderen betrifft, die kann man fertigmachen, noch nie getan? Rundumschlag, Meuchelfotos hochgeladen und so weiter, so richtig gemein gewesen, und die Erleichterung, diese kurze unerträgliche Erleichterung bei dem Gefühl, jemanden erledigt zu haben, von dem man denkt, der oder die hat das verdient, ist SCHULD an der blöden Situation, in der man gerade steckt. Herrlich, dauert aber leider nur sehr kurz, die Herrlichkeit, dann sickert schon ein ungutes Schamgefühl durch, wie aus einer Windel, die langsam zu stinken anfängt (fragt nur meine Cousine) und die man nicht mehr länger ignorieren kann, so gut man das auch geübt hat.

Da könne man Sachen erzählen. Angefangen, ganz harmlos: Habe meine Tante bestohlen, als ich auf Lara aufpassen sollte, nur ein bisschen, nur ein paar Euro-Münzen, weil sie immer so knausrig ist. So, jetzt ist es draußen, öffentlich, hier. Nicht mehr zu leugnen. Tut mir sehr leid, liebe Tante. Und das sage ich dann blöderweise zu einer guten Freundin, und was macht die? Eben, am nächsten Tag lauter Hass-Posts, von wegen Diebin. Einer aus meiner Klasse verkündet lauthals, ich hätte Geld aus seiner Tasche gestohlen – so eine lächerliche Freitag-Geldbörse, die er für unglaublich cool hält. Vor hundert Jahren vielleicht. Na, was mache ich: mich rächen, natürlich. Zumindest einen schlappen Versuch, auf den ich im Nachhinein nicht gerade stolz war. Dann hat er sein Geld gefunden, hat sich aber nicht mehr getraut, das zuzugeben, weil er vorher so laut rumgetönt hat. Bis wir da draufgekommen sind und das wieder klären konnten: anstrengend.

Admitting nothing: Bis vorhin jedenfalls. Man könnte auch sagen, dass die ganze Sache mit einem Admitment, oder Commitment, angefangen hat, nämlich damit, dass ich meiner besten Freundin etwas erzählt habe und dass der Abtausch von Gemeinheiten zu verhindern gewesen wäre, wenn ich mich eben an diese Regel gehalten hätte. Aber ich dachte wohl, so ein Schuldeingeständnis der harmlosen Sorte wäre gut für die Freundschaft. Falsch gedacht. nG